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Projektmanagementblog

Gedanken über modernes Projektmanagement. Klassisch, agil, hybrid.

Ein Plädoyer für die Veränderung

Von Agilität und warum manche Organisationen daran scheitern. Ein Gedankengang.

Agilität ist Veränderung

Manche Organisationen sind wie ein Teich. Und in diesen Teich lassen sie mit viel Aufwand und um viel Geld eine Umwälzanlage einbauen. Weil da muss mehr Bewegung rein. Da kommen dann externe Berater, die der Organisation erklären, warum diese eine Umwälzanlage - und nur diese eine - die beste und tollste ist. Und da kommen Firmen, die das Ding einbauen. Und dann kommen wieder die externen Berater, die erklären, dass man sich ja ganz genauestens an die Anleitung halten soll. Denn sonst Feuer und Schwefel. Und für den Betrieb werden zusätzliche Leute eingestellt. Die haben zwar noch nie mit einer Umwälzanlage zu tun gehabt, aber sie sind jung und dynamisch und kennen sich sicher mit sowas aus. Weil Millenials.

Und dann ist er da, der große Tag. Die Umwälzanlage wird in Betrieb genommen. Alle Regler werden voll aufgedreht, die Maschine rumpelt und spuckt Rauch und ist laut und frisst Unmengen an Strom. Und sie wirbelt das Wasser im Teich gehörig durcheinander. Und irgendwie wirbelt die Maschine nicht so, wie sich das die Organisation vorgestellt hat. Und irgendwie hustet und stottert die Maschine ab und zu. Obwohl sich doch alle so genau an die Anleitung gehalten haben. Also noch mehr externe Berater. Und mit denen kommen die Umbauten an der Maschine. Und dann wird die Umwälzanlage weggeschmissen und durch eine neue ersetzt - die beste und tollste. Sagen die externen Berater. Die müssen es ja wissen, die bauen tagein tagaus Umwälzanlagen aus und ein. Also noch mehr Umbauten. Und irgendwann ist die Umwälzanlage größer als der Teich und sie hustet noch immer Rauch und frisst noch immer Strom und Millenials und macht noch immer Krach und wirbelt noch immer wie wild das Wasser im Teich durcheinander. Und alle stehen am Ufer und sagen: "So viel Bewegung. Toll!"

Nur: wenn man in einem Jahr wieder kommt, steht der Teich immer noch an der selben Stelle. Und in fünf Jahren. Und in 30 Jahren steht der Teich immer noch an der selben Stelle. Und an einem Baum am Ufer lehnen ein paar Schaufeln. Und man müsste nur die Schaufeln in die Hand nehmen und graben und dann hätte man einen Fluß. Ganz ohne Umwälzanlage. Ganz ohne Berater. Ganz ohne zusätzliche Stellen. Ganz ohne zusätzliche Kosten.

Warum bauen dann manche Organisationen Umwälzanlagen ein, anstatt zu schaufeln? Warum machen sie sich vor, die Strudel in ihrem Teich seien Bewegung? Weil diese Organisationen voll von Menschen sind, die nichts verändern wollen. Menschen, die an ihre Positionen gekommen sind, weil sie nichts verändern. Menschen, die mit dieser Einstellung die Kultur ihrer Organisation prägen: Veränderung ist schlecht.
Diese Menschen sind nun nicht dumm. Sie merken ganz genau, dass das Karusell sich immer schneller dreht. Sie spüren die Winde der Veränderung immer schneller die Richtung wechseln. Sie wissen, was das bedeutet: Disruption. Und sie wissen, dass nur die florieren, die sich verändern. Dass nur die bestehen, die Veränderung leben. Keine großen, jahrelang geplanten Sprünge. Kleine, konstante Schritte. Mehr Kaizen, weniger Kaikaku. Mehr Fluß, weniger Teich.

Aber diese Menschen wollen keine Veränderung. Tief drinnen sträubt sich alles dagegen. Klar, sie sind jahrelang - oft jahrzehntelang - gut damit gefahren, Veränderung zu vermeiden. Dass es mit einer offeneren Einstellung noch besser gelaufen wäre, das ist ihnen im Unterbewusstsein schon klar. Dass sie nicht noch existieren, weil sie nichts verändern, sondern weil der Zufall es gut mit ihnen gemeint hat, das ahnen sie. Aber dennoch: besser, wir lassen alles so, wie es ist. Wie es immer schon war. Und also werden Umwälzanlagen eingebaut. Und also leben externe Berater gut. Und also stehen Menschen am Ufer eines stehenden Gewässers und meinen: "Toll! So viel Bewegung." Nur vom Fleck werden sie niemals kommen.

Lasst uns diese Menschen bekehren. Lasst uns ihnen die Augen öffnen. Lasst uns die Schaufeln in die Hände nehmen und graben. Lasst uns Fluß sein.


Gedanken über modernes Projektmanagement. Klassisch, agil, hybrid. Stephan Weinhold ist übrigens auch auf LinkedIn zu finden. Du solltest ihm außerdem auf Twitter folgen. Bilder von Ross Findon auf Unsplash.