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Projektmanagementblog

Gedanken über modernes Projektmanagement. Klassisch, agil, hybrid.

Warum im Projektmanagement so viel über fernöstliche Philosophie geredet wird

Kanban, Kaizen, Kaikaku, Gemba, Muda, Heijunka, Jidoka, Genchi Gembutsu. Warum sind so viele aktuelle Buzzwords südostasiatischen Ursprungs? Ein Trend? Sicher auch, ja. Aber da steckt viel mehr dahinter.

Fernöstliche Philosophie im Projektmanagement

Früher war das auch schon mal so. In den 1980er-Jahren. Die Älteren unter Euch können sich noch daran zurück erinnern. Die, die sich alt fühlen, so wie ich, kennen noch die Nachwirkungen davon aus ihren Anfangsjahren. Und die Millenials unter uns kennen vielleicht die eine oder andere Erzählung. Da war die japanische Kultur auf einmal mega in. Warum? Japanische Produzenten waren den westlichen in Punkto Throughput, Time-to-market, Just-in-time plötzlich haushoch überlegen. So sehr, dass irgendwann sogar Michael Crichton ein Buch darüber geschrieben hat. Rising Sun, 1992. (Und nein, es nicht wirklich gut.)

Und was haben Throughput, Time-to-market, und Just-in-time jetzt mit Philosophie zu tun?

Reden wir über die Mutter all diesen Erfolges. Und die Mutter waren zwei Väter: Eiji Toyoda und Taiichi Ohno. Die beiden haben das Toyota Production System ersonnen und entwickelt. Aus dem ist Lean Manufacturing gewachsen, was uns über Lean Management zu Kanban bringt. Und dieses Toyota Production System ist eben kein Framework, wie es PMBOK zum Beispiel ist, sondern ein sogenanntes soziotechnisches System. Also weit mehr, als nur eine Anleitung. Immerhin heißt auch das Hauptwerk von Ohno im Untertitel Beyond Large-Scale Production.

Falls übrigens jemand von Euch Toyota Production System: Beyond Large-Scale Production in die Finger bekommen sollte: unbedingt lesen! Im Gegensatz zu Rising Sun ist es in meinen Augen nämlich richtig gut.

Lasst uns also ein paar Buzzwords näher betrachten

Hinter dem Toyota Production System steckt eine recht einfache Philosophie und Denkweise. Der bekannteste Aspekt davon ist sicher Muda: die sinnlose Tätigkeit, die Verschwendung. Die gilt es unbedingt zu vermeiden. Und wie so oft: ja klar gilt es das, eh logisch. Nur wird es leider viel zu selten gemacht.
Ich erlebe oft, dass viel Augenmerk auf die Einführung von Prozessen gelegt wird, die Muda vermeiden sollen. Dabei ist das meist gar nicht notwendig, wenn ich auf die Vermeidung der zwei anderen Punkte achte:

  1. Muri, die Unvernunft, und
  2. Mura, die Inkonsistenz.

Das bedeutet, dass ich meine Prozesse, mein ganzes System konstant beobachte und gegebenenfalls anpasse. Und nicht nur ich, sondern alle Mitglieder einer Organisation, alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einer Firma. Das inkludiert also die Flexibilität in das System hinein. Und zwar auf allen Ebenen und vor allem an allen Stellen.

Und wie ist das im “westlichen” Kulturkreis?

Bei uns ist es immer der eine große Held, der den Tag (oder das Projekt) rettet. Das war schon ganz am Anfang der westlichen Kultur so: bei Homer.
Ein Mitbewerber (Troja) verändert sich (Raub der schönen Helena) und bedroht die eigene Organisation (die griechischen Stadtstaaten). Es wird ein großes Change-Projekt geplant (Soldaten werden rekrutiert, Kriegsschiffe werden gebaut) und durchgeführt (jahrelange Belagerung Trojas). Der Mitbewerber ist aber standhaft und das eigene Unternehmen kriselt ordentlich. Auftritt großer Held (Odysseus), der mit einer heldenhaften Heldenleistung (das trojanische Pferd) doch noch das Ruder herumreißen kann. Die eigene Organisation ist gerettet, das Projektteam wird aufgelöst, der Held tingelt noch ein wenig durch die Abteilungen (Odysseus Irrfahrten), aber im Großen und Ganzen ist wieder Ruhe eingekehrt. Das gute, alte Tagesgeschäft.

Und in den 1970er-, 1980er-Jahren sah es in der Unternehmenswelt genauso aus. Den überwiegenden Großteil der Zeit lief alles seinen gewohnten Gang der Dinge. Alle paar Jahre war Veränderung notwendig. Ein großer Schritt. Und meistens war dieser eine Schritt eine Einzelleistung legendärer Projektmanager. Und früher hat das auch gereicht. Heute sieht die Welt ganz anders aus. Denn etliche Organisationen sind draufgekommen, dass der, der sich schneller und konstanter verändert, einen Wettbewerbsvorteil hat. Und die Werkzeuge, die seit den 1990er-Jahren zu unserem Werkzeugkoffer hinzugekommen sind (Stichwort Digitalisierung), unterstützen diese schnellere und konstantere Veränderung auch noch zusätzlich.

Zurück in den Osten

In fernöstlichen Kulturen wird das anders gesehen. Es gibt zum Beispiel diese berühmte Studie von Richard E. Nisbett und Takahiko Masuda, in der sie Japanern und US-Amerikanern kurze Sequenzen eines Unterwasserfilmes zeigten und sie danach fragten, was sie gesehen hatten. Die US-Amerikaner beschrieben danach primär größere, im Vordergrund befindliche Objekte, während die Japaner überwiegend das große Ganze im Blick hatten.
Der selbe Nisbett hat auch gemeinsam mit Hannah Faye Chua untersucht, worauf US-Amerikaner und Chinesen ihre Augen richten, wenn sie ein Bild gezeigt bekommen. Ich weiß, Ihr habt es bereits erraten: erstere fokussierten sofort auf das primäre Objekt, zweitere ließen ihre Augen über das ganze Bild wandern.
Und dann gibt es noch die Studie mit dem Fotografieren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten eine Person fotografieren. Westliche Menschen zoomten auf das Gesicht, Südostasiaten fotografierten die ganze Person in ihrem Umfeld.

Nisbett Studie

Den Artikel zu oben erwähnten Studien von Richard E. Nisbett findet Ihr übrigens hier: https://www.pnas.org/content/100/19/11163 - Copyright 2003 National Academy of Sciences.

Und ich will jetzt gar nicht darüber philosophieren, was das aussagt, sondern ich will auf eine ganz einfache Tatsache hinaus: in einer Welt, in der sich Dinge immer schneller und immer tiefgreifender verändern - sprich: in unserer heutigen Welt - ist so eine Herangehensweise aus den Augen des Projektmanagements heraus betrachtet, ein riesen Wettbewerbsvorteil.

Und nun?

Heißt das also, fernöstliche Philosophien und Ansätze sind besser für Projektmanagement geeignet, als unsere westlichen? Nein. Ja. Jein. Was bedeutet denn “besser” aus der Projektmanagementperspektive? Besser bedeutet für Frameworks, dass ich damit erfolgreicher bin. Und in unserem Fall sind Philosophien, Einstellungen, Denkansätze nichts anderes als Frameworks, meine ich. Und in unserer heutigen Zeit, wo sich Dinge konstant und vor allem schnell verändern, sind Frameworks, die diese Veränderung in der DNA haben und die diese Veränderung somit als Hebel nutzen, für Projektmanagement sicher das Richtige. Oder wie seht Ihr das?


Gedanken über modernes Projektmanagement. Klassisch, agil, hybrid. Stephan Weinhold ist übrigens auch auf LinkedIn zu finden. Du solltest ihm außerdem auf Twitter folgen. Bilder von Giammarco Boscaro auf Unsplash bzw. The National Academy of Sciences/Richard E. Nisbett.